Softlab Segeltörn 2004 - Kykladen::

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Nächster Morgen, Sonntag, 06.06.04

Nach einem netten Frühstück zu sechst geht’s endlich los. Spannend spannend. Alle sind oben auf Deck im Cockpit, während der Skipper seine Anweisungen gibt. Interessant, dass die Coskipperin immer schon vorher weiß, was zu tun ist. Goofy auch. Das sind die alten Hasen. Die kennen sich aus. Unsereins hochmotiviert und einsatzbereit ist noch zu nichts zu gebrauchen. Aber das nächste Mal weiß ich wenigstens schon, dass vor der Abfahrt alle Fenster geschlossen und alle Schranktüren-Druckknöpfe zugedrückt werden müssen. Die Ventile unter der Spüle müssen umgelegt werden und in der Toilette auch irgendein Hebel. Um böse Überraschungen zu vermeiden. Außerdem muß das Rettungsboot, das auch Dinghi oder Gummigurke heißt, festgemacht sein.

Die beiden anderen Crew-Mitglieder sind auch an der frischen Luft. Einer von beiden noch etwas blass und geschwächt vom Abend vorher, ist auch noch nicht so ganz einsatzbereit. So schauen wir zu, wie da Leinen und Knoten gelöst und aufgewickelt werden und schön aufgezurrt zur Aufbewahrung in die praktischen Sitzbank-Kisten auf Deck verstaut werden. Die dicken Bombel, die zum Schutz um das Boot herum festgemacht waren, werden abgehängt und zu den Tampen und Leinen dazugelegt. Das gefällt mir – alles geht sehr ordentlich zu, alles hat seinen Platz. Mit fällt auf, dass die Leinen unterschiedliche Farben haben und dass überhaupt jede Menge davon vorhanden sind. Und wenn man da noch näher hinschaut, sieht man erst, durch wie viele Ösen und Winden die gezogen sind. Naja, ich muß ja hier keine Seglerprüfung ablegen, ich will ja lediglich Wind, Sonne, Meer und Ruhe genießen.....

Jetzt ist alles anscheinend so weit getan – Skipper steht am Riesen-Lenkrad, wir anderen sitzen um ihn herum auf den Sitzbänken und schauen zu, wie das Boot langsam unter Motor aus dem Hafenbecken heraustuckert. Jetzt sehe ich auch die anderen Boote. Lustig, wie sich die Softlab-Flotte auf das offene Meer zubewegt. Ich fühle mich wie ein alter Seemann und schnuppere die feuchte salzige Luft.

Alle dürfen jetzt nacheinander an dieses Riesen-Lenkrad. Es heißt übrigens RUDER und der, der am Ruder steht, der sogenannte RUDERGÄNGER, hat das Kommando über das Boot. Ein schönes Gefühl ist das, Herr über Wellen und Meer zu sein. Beim ersten Üben unter Motor mit ca. 6 Knoten Fahrt ist das ja noch ganz gemütlich. Da kann man erste Erfahrungen machen mit dem Zusammenspiel von Ruder und Kiel. Mal links rum, mal rechts rum. Einmal nach Backbord einmal nach Steuerbord. Schöne Kreise fahren kann man da, allerdings alles ohne Kupplung und Bremspedal. Hier ist nichts asphaltiert, hier gibt’s keine Mittellinie und keine Leitplanken. Viel Gefühl ist hier gefragt! Mit viel Gefühl und minimalen Ruderbewegungen kann man so aber ganz gut den vorgegebenen Kurs halten. Aber auch dies fordert einem Neuling die ganze Konzentration ab.

Aber irgendwann weicht so langsam die Anspannung des Rudergängers. Die Gesichtszüge sind nicht mehr ganz so gestresst und er kann sich auch wieder an den lustigen Gesprächen beteiligen. Alle sitzen wir ausgelassen und fidel beieinander, alle sind wieder fit wie ein Seglerschuh. Es wird übrigens viel gelacht – unbelastet und unbeschwert, es wirkt echt und entspannt. So langsam kennt man sich ein bisschen, traut sich, sich zu öffnen, ein wenig oder schon mehr, weg vom Smalltalk, von den Witzchen, vom Fachsimpeln. Die Gespräche werden persönlicher.

Wir bleiben noch unter Motor – kein noch so laues Lüftchen in Sicht. Beste Gelegenheit, ein paar Knoten zu lernen. Beste Voraussetzungen für den Neuling, an einen alten Hasen zu geraten, der über jede Menge Geduld verfügt und darüber hinaus noch mit einer weiteren Fähigkeit brilliert: er infiziert den Neuling mit seiner Begeisterung und Freude an allem, was mit dem Segeln zu tun hat. Goofy weiß alles, zeigt alles und erklärt alles. Ich bin noch nie mit soviel Freude und Begeisterung abgefragt worden und ich hätte nie gedacht, dass ich freiwillig so gerne an meinen Knoten und an Perfektion übe.

Gegen Mittag gibt’s Bier in Dosen. Das 12-Uhr-Bier. Aber bevor der erste Schluck die trockene Kehle passieren darf, passiert ganz was anderes: Eindringlich und mit lauter Stimme beschwört der Skipper RASSMUS, die alte Rübensau, endlich gescheiten Wind zu schicken und kippt in großem Bogen den ersten kostbaren Schluck in den riesigen Meeresrachen...

Rassmus ist wohlgesonnen - Wind kommt auf und damit ist es mit dem ruhigen Dahintuckeln aus. Das schaukelnde Boot setzt uns, den Neuling und die beiden schon etwas Erfahrenen, außer Gefecht und bringt uns somit in die Horizontale. Blass und mit je 5 Globuli unter der Zunge starren wir gebannt an den Horizont bzw. mit geschlossenen Augen gen Himmel. Jeder der drei enthält sich dem unterhaltenden Teil, jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Wir bekommen gar nicht so mit, wie die alten Hasen die Segel setzen und dabei an Stricken ziehen und zerren und diese um eine Vorrichtung herumwickeln. Ehrlich gesagt, ist mir das jetzt alles egal. Ich will jetzt bloß meine Ruhe haben.

Gegen späteren Nachmittag lichtet sich das flaue Gefühl, die Farbe kehrt in die Gesichter zurück, die mitteilsamen Zungen lockern und entspannen sich zum lockeren Gespräch. Und außerdem ist die Anlegebucht in Sicht. Die Aussicht auf ein baldiges leckeres Essen beflügelt geradezu.

Beim Kochen dann fallen erste kleinere despotische Anweisungen. Aha, die Ehepartner sind als erste wieder im normalen Miteinandertalk. Kleine Sticheleien schießen zurück – sich behaupten, sich nicht klein kriegen lassen – der ganz normale Alltag der Ehepaare - aber alles noch ganz nett und freundlich gehalten.


 

 
   © 2004 by Uschi Baudisch Nefzger •  bch@softlab.de