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Am nächsten Tag hat sich das Wetter gedreht.
Kräftiger Wind kommt auf, die Minen der alten Hasen zeigen
Entschlusskraft und ihre Körper bersten schier vor Energie.
Schwimmwesten liegen bereit, „gescheite Schuhe” sind
angeordnet und wer hat, zieht seine Seglerhandschuhe an. Jeder geht
die Checkliste durch und rast gedanklich durchs Boot: wirklich alles
zu? alle Schaps? alle Seeventile? Luken dicht? Dinghi angebunden?
Denn jetzt geht’s los.
Die alten Hasen sind am Ruder, an den Winschen für
die Großschot und die Genua. Die beiden Crew-Mitglieder mit
etwas Erfahrung haben schon alle Fender abgehängt und in den
Backskisten verstaut. Ich schaue nur zu – taste mich vorsichtig
vom BUG zum HECK zurück und vom sicheren Sitz auf der
steuerbordseitigen Backskiste aus bewundere ich die Sicherheit der
anderen, wie sie über das Boot klettern. Ich schaue mir die
Winschen und die Klemmen etwas genauer an und beobachte die alten
Hasen, bei welchen Kommandos welche Leinen bedient werden. Obwohl ich
gut aufpasse, sind mir die Zusammenhänge noch immer nicht
klarer. Eines wird aber deutlich, hier sprechen alle die gleiche
Sprache, man versteht sich. Alles klappt wie am Schnürchen. Die
Segel stehen wunderschön glatt im Wind. Rassmus zeigt sich von
der spendablen Seite. Wir zischen nur so ab. Bei stolzen 8 Knoten
Fahrt und kräftigem Seegang holt mich der Skipper ans Ruder.
Minuten werden zu Stunden und die sind schlimmer als die wildeste
Achterbahn – ich halte mit ganzer Kraft dagegen - verkrampfe
sämtliche Muskelfasern – schreie aus vollem Hals –
habe Panik, das Boot zu kentern - ich sehe uns schon überschwappend
in den Schaumkronen zappeln.
„Etwas
beidrehen, dann passt das schon” – dieser Satz, ruhig
ausgesprochen, hat seine Wirkung. Hat ihn Skipper nicht schon oft
gesagt und hat es nicht immer gepasst? Den Rest besorgt sein
motivierendes Lächeln. Voller Vertrauen drehe ich bei – es
passt!
Nach
einigen Manövern, Wenden und Halsen, habe ich erst mal den Hals
voll. Für heute ist es genug. Es reicht dicke.
Auf
anderen Booten bricht der Ehrgeiz durch. Da wird eine Wende nach der
anderen gefahren, die Segel getrimmt und nachjustiert, kein
Kaffeehaussegeln! – sportlich zackig, ran an die Schoten, es
wird nichts verschenkt. Wenn schon Wind, dann wird der ordentlich
ausgenützt! Frauenehrgeiz kann noch ein Quentchen Ehrgeiz mehr
sein.
Ich
habe jetzt wahrlich genug. Ich sehne mich nur noch nach einer
herrlichen ruhigen Anlegebucht und nach einem guten Essen – ich
träume vor mich hin – wie die sich wohl auf den anderen
Booten verstehen? Viel bekommt man nicht mit, viel Gelegenheit, die
anderen Crews näher kennen zu lernen, gibt’s ja nicht
gerade. Ich träume mich durch die Boote und bleibe erst mal bei
den ehrgeizigen Damen hängen - wie wäre es denn dort an
Bord? Allein wenn ich daran denke, in welchem Stechschritt-Tempo
früh morgens der Feldwebel zum griechischen Semmelbäcker
unterwegs ist – da kann man sich vorstellen, in welchem Tempo
einem die Kommandos um die Ohren fliegen.
Oder
was habe ich von der SARRES gehört? Da soll’s doch
tatsächlich einen Besserwisser geben, der auf dem eigenen Boot
nicht nur alles besser weiß, ja, der sogar seine Kommandos auf
die anderen Boote verteilt – soviel weiß er. Blitzlichter
hin oder her – nettes freundliches Lächeln und noch mehr –
auch wenn die Augen noch so toll funkeln und Feuer sprühen –
das geht zu weit.
Ach,
wie schön ist es da doch auf der KEROS. Da habe ich meinen
eigenen Mentor, der nicht nur das Seglerlatein drauf hat sondern auch
die Sternbilder. Und
der selbst den Hornochsenknoten beherrscht.
Da
gibt’s noch das nette freundliche Ehepaar, das sind die schon
etwas Erfahrenen. Morgens braucht er
ein bisschen, um in die
Puschen zu kommen. Aber dann ist er da. Führt die Anweisungen
von Skipper und Rudergänger meist beim zweiten Mal gleich aus,
dreht die Winschkurbel, holt dicht, belegt Klampe, fendert Steuerbord
oder Backbord ab, rennt auch als laufender Fender auf Deck herum,
springt beim Anlegemanöver auf die Pier, um die Festmacher um
die Poller zu schlingen. Alles kochkonzentriert und bestens
ausgeführt.
Mit
sehr viel Anspruch an Zuverlässigkeit, Genauigkeit und
Gewissenhaftigkeit macht sie
einfach alles. Ob als Rudergänger
oder laufender Fender, ob’s um’s Einkaufen, Kochen oder
Spülen geht oder ganz einfach um’s Aufräumen. Ein
ganz natürliches fränkisches Mädel, das jetzt langsam
bereit ist, ihr Herz aus Gold aus dem Schutzpapierl auszuwickeln.
Und
dann natürlich „unsere Mutter der Nation”. Sie hält
die Fäden und den Überblick fest und geschickt in ihren
kleinen Händen. Was sie hält, gibt sie nicht so leicht
freiwillig ab. Sehr kompetent ist sie, lustig und gesprächig,
und bereitwillig erklärt sie alle noch so dummen Fragen. Aber
möglichst nicht früh morgens vor dem ersten Lungentorpedo.
Und
haben wir nicht das große Los gezogen mit unserem Skipper?
Hochkonzentriert lebt und agiert er im Augenblick, motiviert lächelnd
die Crew, stärkt Vertrauen, kann abgeben und loslassen. Unter
Kontrolle hat er nicht nur das eigene Boot, nein, alle fünfe.
Nicht umsonst erfährt er die volle Akzeptanz der Crews –
er ist eine Autorität.
Kein
Wort zuviel spricht er, doch der genaue Beobachter sieht mehr, als
Skipper denkt:
- Einmaliges Unterlippen-Ablecken bedeutet: Skipper denkt nach
- Mehrmaliges Unterlippen-Ablecken bedeutet: Skipper ist auf Entscheidungsfindung
- Hektisches Unterlippen-Ablecken bedeutet: Achtung Leute gleich geht’s los, Skipper hat Entscheidung gefällt.
Ja,
meine Entscheidung, bei diesem Törn mitzumachen, war entschieden
die richtige. Was man hier alles so erlebt - mein Blick ruht in den
fernen Weiten - wie war das noch mal? Steht nicht noch eine
Einladung aufs Männerboot aus? Heute vielleicht?
Und
tatsächlich – während unsere in Knoblauchöl
eingelegten Lammkoteletts im Backrohr vor sich hin brutzeln, nähert
sich tuckernd das Männerboot-Dinghi. Und ob die Einladung steht
– aber selbstverständlich! Reichlich Hühnchen gäb’s,
diesen Gaumenschmaus dürfe ich mir nicht entgehen lassen. Und
doch – behutsam verlegen wir unser abendliches Date auf die
spätere Stunde – nach Abendessen und Geschirraufwaschen –
und was sagt er auf meine Frage, wie ich da rüberkommen solle?
Mach’ Dir da keine Sorgen,
ich schick’ Dir ein Boot.
Ich
schick’ Dir ein Boot – eine wunderbare Melodie umfängt
mich, lächelnd spüle ich das verkrustete Knoblauchblech ab,
fühle mich unbandig jung und geehrt zugleich und freue mich,
sichtlich gerührt, auf das Boot, das er mir schicken wird.
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