Softlab Segeltörn 2004 - Kykladen::

Vorbesprechung :: Ankunft :: erster Seetag ::
zweiter Seetag :: Regattatag :: Finale ::

 
 
 
 

Nächster Tag, Montag, 07.06.04

Am nächsten Tag hat sich das Wetter gedreht. Kräftiger Wind kommt auf, die Minen der alten Hasen zeigen Entschlusskraft und ihre Körper bersten schier vor Energie. Schwimmwesten liegen bereit, „gescheite Schuhe” sind angeordnet und wer hat, zieht seine Seglerhandschuhe an. Jeder geht die Checkliste durch und rast gedanklich durchs Boot: wirklich alles zu? alle Schaps? alle Seeventile? Luken dicht? Dinghi angebunden?

Denn jetzt geht’s los.

Die alten Hasen sind am Ruder, an den Winschen für die Großschot und die Genua. Die beiden Crew-Mitglieder mit etwas Erfahrung haben schon alle Fender abgehängt und in den Backskisten verstaut. Ich schaue nur zu – taste mich vorsichtig vom BUG zum HECK zurück und vom sicheren Sitz auf der steuerbordseitigen Backskiste aus bewundere ich die Sicherheit der anderen, wie sie über das Boot klettern. Ich schaue mir die Winschen und die Klemmen etwas genauer an und beobachte die alten Hasen, bei welchen Kommandos welche Leinen bedient werden. Obwohl ich gut aufpasse, sind mir die Zusammenhänge noch immer nicht klarer. Eines wird aber deutlich, hier sprechen alle die gleiche Sprache, man versteht sich. Alles klappt wie am Schnürchen. Die Segel stehen wunderschön glatt im Wind. Rassmus zeigt sich von der spendablen Seite. Wir zischen nur so ab. Bei stolzen 8 Knoten Fahrt und kräftigem Seegang holt mich der Skipper ans Ruder. Minuten werden zu Stunden und die sind schlimmer als die wildeste Achterbahn – ich halte mit ganzer Kraft dagegen - verkrampfe sämtliche Muskelfasern – schreie aus vollem Hals – habe Panik, das Boot zu kentern - ich sehe uns schon überschwappend in den Schaumkronen zappeln.

Etwas beidrehen, dann passt das schon” – dieser Satz, ruhig ausgesprochen, hat seine Wirkung. Hat ihn Skipper nicht schon oft gesagt und hat es nicht immer gepasst? Den Rest besorgt sein motivierendes Lächeln. Voller Vertrauen drehe ich bei – es passt!

Nach einigen Manövern, Wenden und Halsen, habe ich erst mal den Hals voll. Für heute ist es genug. Es reicht dicke.

Auf anderen Booten bricht der Ehrgeiz durch. Da wird eine Wende nach der anderen gefahren, die Segel getrimmt und nachjustiert, kein Kaffeehaussegeln! – sportlich zackig, ran an die Schoten, es wird nichts verschenkt. Wenn schon Wind, dann wird der ordentlich ausgenützt! Frauenehrgeiz kann noch ein Quentchen Ehrgeiz mehr sein.

Ich habe jetzt wahrlich genug. Ich sehne mich nur noch nach einer herrlichen ruhigen Anlegebucht und nach einem guten Essen – ich träume vor mich hin – wie die sich wohl auf den anderen Booten verstehen? Viel bekommt man nicht mit, viel Gelegenheit, die anderen Crews näher kennen zu lernen, gibt’s ja nicht gerade. Ich träume mich durch die Boote und bleibe erst mal bei den ehrgeizigen Damen hängen - wie wäre es denn dort an Bord? Allein wenn ich daran denke, in welchem Stechschritt-Tempo früh morgens der Feldwebel zum griechischen Semmelbäcker unterwegs ist – da kann man sich vorstellen, in welchem Tempo einem die Kommandos um die Ohren fliegen.

Oder was habe ich von der SARRES gehört? Da soll’s doch tatsächlich einen Besserwisser geben, der auf dem eigenen Boot nicht nur alles besser weiß, ja, der sogar seine Kommandos auf die anderen Boote verteilt – soviel weiß er. Blitzlichter hin oder her – nettes freundliches Lächeln und noch mehr – auch wenn die Augen noch so toll funkeln und Feuer sprühen – das geht zu weit.

Ach, wie schön ist es da doch auf der KEROS. Da habe ich meinen eigenen Mentor, der nicht nur das Seglerlatein drauf hat sondern auch die Sternbilder. Und der selbst den Hornochsenknoten beherrscht.

Da gibt’s noch das nette freundliche Ehepaar, das sind die schon etwas Erfahrenen. Morgens braucht er ein bisschen, um in die Puschen zu kommen. Aber dann ist er da. Führt die Anweisungen von Skipper und Rudergänger meist beim zweiten Mal gleich aus, dreht die Winschkurbel, holt dicht, belegt Klampe, fendert Steuerbord oder Backbord ab, rennt auch als laufender Fender auf Deck herum, springt beim Anlegemanöver auf die Pier, um die Festmacher um die Poller zu schlingen. Alles kochkonzentriert und bestens ausgeführt.

Mit sehr viel Anspruch an Zuverlässigkeit, Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit macht sie einfach alles. Ob als Rudergänger oder laufender Fender, ob’s um’s Einkaufen, Kochen oder Spülen geht oder ganz einfach um’s Aufräumen. Ein ganz natürliches fränkisches Mädel, das jetzt langsam bereit ist, ihr Herz aus Gold aus dem Schutzpapierl auszuwickeln.

Und dann natürlich „unsere Mutter der Nation”. Sie hält die Fäden und den Überblick fest und geschickt in ihren kleinen Händen. Was sie hält, gibt sie nicht so leicht freiwillig ab. Sehr kompetent ist sie, lustig und gesprächig, und bereitwillig erklärt sie alle noch so dummen Fragen. Aber möglichst nicht früh morgens vor dem ersten Lungentorpedo.

Und haben wir nicht das große Los gezogen mit unserem Skipper? Hochkonzentriert lebt und agiert er im Augenblick, motiviert lächelnd die Crew, stärkt Vertrauen, kann abgeben und loslassen. Unter Kontrolle hat er nicht nur das eigene Boot, nein, alle fünfe. Nicht umsonst erfährt er die volle Akzeptanz der Crews – er ist eine Autorität.

Kein Wort zuviel spricht er, doch der genaue Beobachter sieht mehr, als Skipper denkt:

  • Einmaliges Unterlippen-Ablecken bedeutet: Skipper denkt nach
  • Mehrmaliges Unterlippen-Ablecken bedeutet: Skipper ist auf Entscheidungsfindung
  • Hektisches Unterlippen-Ablecken bedeutet: Achtung Leute gleich geht’s los, Skipper hat Entscheidung gefällt.

Ja, meine Entscheidung, bei diesem Törn mitzumachen, war entschieden die richtige. Was man hier alles so erlebt - mein Blick ruht in den fernen Weiten - wie war das noch mal? Steht nicht noch eine Einladung aufs Männerboot aus? Heute vielleicht?

Und tatsächlich – während unsere in Knoblauchöl eingelegten Lammkoteletts im Backrohr vor sich hin brutzeln, nähert sich tuckernd das Männerboot-Dinghi. Und ob die Einladung steht – aber selbstverständlich! Reichlich Hühnchen gäb’s, diesen Gaumenschmaus dürfe ich mir nicht entgehen lassen. Und doch – behutsam verlegen wir unser abendliches Date auf die spätere Stunde – nach Abendessen und Geschirraufwaschen – und was sagt er auf meine Frage, wie ich da rüberkommen solle? Mach’ Dir da keine Sorgen, ich schick’ Dir ein Boot.

Ich schick’ Dir ein Boot – eine wunderbare Melodie umfängt mich, lächelnd spüle ich das verkrustete Knoblauchblech ab, fühle mich unbandig jung und geehrt zugleich und freue mich, sichtlich gerührt, auf das Boot, das er mir schicken wird.


 

 
   © 2004 by Uschi Baudisch Nefzger •  bch@softlab.de